top of page

Leseprobe aus
Echoes - A Whisper Between Us

 

Kapitel 1

 

Lexie

 

»Das ist nicht dein Ernst!« Silas starrt mich an. Mom hält mit dem Glas vor ihren Lippen inne. Es ist, als ob jemand die Pause-Taste gedrückt hat, um sich Popcorn zu holen. Und bei Gott, wäre ich nicht beteiligt, ich wäre die Erste, die sich einen Eimer nehmen und sich gespannt auf einen Stuhl setzen würde. Den Blick auf die Szenerie gerichtet, während in einem gleichbleibenden Rhythmus die aufgeplatzten Maiskörner in meinem Mund verschwinden. Aber ich bin Teil dessen und ich bin die Ursache für dieses eingefrorene Bild, das völlig fehl an diesem Ort wirkt. Das Baileys ist gut besucht. Ein Restaurant am Central Park mit edlem Ambiente, nicht steril oder kühl, wie die Locations, in die Silas uns sonst einlädt, sondern beinahe familiär.

»Ja. Mein voller Ernst«, sage ich mit fester Stimme, straffe die Schultern und schiebe das Stück Feige in meinem Salat hin und her. In mir drin sieht es anders aus. Ich schreie und flehe, dass sie es mir ausreden, mich überzeugen, meine Idee fallen zu lassen. Auch wenn ich weiß, dass sie sich zu sehr verfestigt, mein Sturkopf diese Entscheidung längst getroffen hat und mein Herz sie gut findet. Nur ein kleiner Funke in mir kämpft dagegen an, ahnt, dass Silas recht haben könnte. Ist es wirklich pure Selbstzerstörung, Masochismus und Idiotie? Denn genau das spiegelt sich in den Mienen meiner Familie.

»Tofino.« Mom sagt es, als wären allein die Buchstaben es nicht wert, ausgesprochen zu werden. Dabei ist es meine Heimat. Unser Zuhause. Zumindest war es das bis vor zehn Jahren, bevor sie mich weggebracht haben, in eine Klinik nach New York. Meilenweit entfernt von meinen Freunden, der vertrauten Umgebung, allem, was ich kannte. Mir ist klar, dass sie mich vor den Folgen dieser einen Nacht schützen, mir die Zeit geben wollten, um zu heilen, seelisch wie körperlich. Aber ihre Heilung der Geschehnisse ist nicht meine und das ist mir mit jedem Tag bewusster geworden. Ich brauche den Schmerz. Hautnah. Um zu begreifen, zu akzeptieren, zu verarbeiten.

»Du spielst nicht ernsthaft mit dem Gedanken, nach Vancouver Island zu fahren, oder?« Silas bewegt sich wieder, legt seine Gabel übertrieben langsam auf dem Teller ab und lehnt sich zurück. Ein merkwürdiger Ausdruck tritt in seine Augen, gespickt mit Frustration und einer Angst, die ich nicht verstehe.

»Doch. Sehr lange schon«, gestehe ich, tue es ihm gleich, lasse mein Besteck sinken und streiche mir eine Strähne hinter das Ohr. Dann mustere ich meinen Bruder, der unserem Vater in vielerlei Hinsicht ähnlich ist. Blonde Haare, dunkle Iris und ein markantes Kinn. Wir sind eins, immer gewesen und mehr denn je, seit wir in New York leben. Er war für mich da, hat stundenlang an meinem Bett gesessen, während ich versucht habe, die Schmerzen tapfer zu ertragen.

»Warum?« Mom stellt das Weinglas ein wenig zu nachdrücklich ab und mustert mich ernst. »Warum willst du an diesen Ort?«

Silas umfasst ihre Hand, drückt kurz zu. »Ist es wegen Grannys Hotel?«

Nickend senke ich den Blick. »Auch. Ich vermisse das Seaside Heaven.« Es ist die Wahrheit. Es war meine Zuflucht. Unzählige Stunden habe ich dort mit Granny verbracht, ihr beim Servieren des Frühstücks geholfen, die Gäste eingecheckt und Tipps für Wanderungen gegeben. Das Abendessen mitgekocht, die Zimmer gereinigt, mit den angereisten Kindern gespielt. Es war mein Leben, ein Traum, der wahr wurde und den ich wieder aufnehmen möchte. »Aber ich vermisse auch den Wald, die Stille, die Einsamkeit. New York ist toll und ich bin gern hier, aber diese Stadt ist nicht Tofino. Sie ist nicht meine Heimat.«

Mom schweigt und ich blinzle kurz zu ihr. Sie sieht mich an, als würde sie keines meiner Worte verstehen. Ich habe geahnt, dass es merkwürdig sein wird, ihnen von meinem Vorhaben zu erzählen. Aber das ich mich wie auf einer Anklagebank fühlen werde, habe ich nicht erwartet. Dabei sind meine inneren Kämpfe schon stark genug. Zweifel und Sorgen sind mir nicht unbekannt. Ich spüre sie immer noch deutlich, doch genauso stark ist der Drang, endlich zurückzugehen. Mich meiner Vergangenheit zu stellen. Er ist stärker geworden, nachdem Granny vor drei Jahren gestorben ist und mir ihr Hotel vererbt hat. Gemeinsam mit einem Brief, einer Erinnerung an das, was ich mir einst für mich gewünscht habe. Eine stumme Bitte, daran festzuhalten, und das Vertrauen, dass ich eines Tages nach Hause kommen werde. Es hat lange gedauert, bis ich ihre Worte gefühlt habe. Aber jetzt rufen sie umso lauter in mir, vermischen sich mit meinen eigenen. Ich kann sie nicht mehr ignorieren.

Silas atmet einige Male tief durch und klopft mit seinen Fingern auf den Tisch. »Da ist noch was, oder?« Er kennt mich viel zu gut.

»Ja.« Und jetzt kommt der Part, den sie vielleicht nicht begreifen werden. Aber ich muss es sagen. Für mich. »Ich muss diesen Ort sehen, um abschließen zu können. Ich muss dorthin zurück, um meinen Frieden zu finden. Das Feuer …« Noch immer fällt es mir schwer, es auszusprechen, da es die Erinnerungen hervorruft, den Geruch, die Angst. Aber ich habe keine Wahl. Sie würden es sonst nicht verstehen. »… begleitet mich. Seit zehn Jahren, jeden Tag aufs Neue, und ich kann noch so viele Therapiestunden nehmen, mit wechselnden Ärzten darüber sprechen, aber das Gefühl in mir wird nicht kleiner werden. Es verschwindet nicht.«

»Was für ein Gefühl?« Sein Tonfall lässt mich innehalten. Er wirkt gepresst, kontrolliert.

»Dass ich zerreiße. Silas, ich muss … Peter endlich gehen lassen.« Nur einer der Gründe, doch der einzige, den ich ihnen sagen möchte. Denn der andere beruht lediglich auf einer Ahnung, dass etwas nicht ins Bild passt. Und ich habe die Hoffnung, dass ich klarer sehen werde, wenn ich dort bin, an dem Ort, an dem mein Leben sich verändert hat. Vielleicht spielt meine Intuition mir einen Streich, ganz sicher sogar, denn ich kenne die Berichte der Feuerwehr, der Brandermittler und der Polizei. Ein Defekt in der Sturmlampe, die ich mitgebracht habe, um die Nacht ein wenig heller zu machen. Scheiße! Offiziell bin ich unschuldig an dem beschissenen Feuer, doch innerlich quält mich der Gedanke, dass meine Fahrlässigkeit ein Menschenleben gefordert hat. Eines, das nicht einmal zu diesem Zeitpunkt hätte da sein dürfen, weil Peter nicht wissen konnte, dass ich in dem Gebäude war.

»Das ist keine gute Idee, Schatz.« Mom schüttelt sanft den Kopf. »Wir sind nicht umsonst nie mehr zurückgekehrt.«

»Aber Granny …«, wende ich ein und spiele auf ihre etlichen Besuche in New York an, bei denen sie mir unermüdlich gesagt hat, dass ich in das Seaside Heaven gehöre und eine Lücke hinterlassen habe, die nicht zu füllen ist. Es klang so anders als die Aussagen von Mom und Silas. Beide haben das Thema stets geblockt, wollten nie darüber sprechen, mich fernhalten und schützen.

»Granny hat versucht, dir deine schönen Erinnerungen an Tofino nicht schlecht zu reden«, unterbricht sie mich und berührt meine Finger. »Sie hat gelitten, hat sich jeden Tag den Urteilen der Menschen ausgesetzt und den unausgesprochenen Anschuldigungen.«

Ihre Worte dringen tief in mich ein, treffen einen wunden Punkt, der nie vollständig verheilen wird. Und sie bringen meinen Entschluss ins Wanken.

»Schatz«, insistiert sie. »Ich wünsche mir so sehr, dass du glücklich wirst, deinen Frieden erlangst und nach vorn schaust, mehr als du denkst. Aber ich habe Angst, wenn du dorthin fährst. Du wirst nicht finden, wonach du suchst.«

»Tofino wird dich zerstören«, mischt sich Silas ein.

Mom hält einen Moment meinen Blick fest, dann senkt sie ihren und seufzt. Offensichtlich ist sie mit der Wortwahl meines Bruders nicht einverstanden, aber mit der Bedeutung dessen, was er sagt. Und das tut weh. Messerscharf schneiden ihre Sorgen in mich ein, schüren meine eigenen und lassen mich erschauern. Mir ist klar, dass dieser Weg nicht einfach sein wird, dass ich vielleicht zusammenbrechen werde, doch ich muss ihn gehen. Ich habe keine Wahl und ich möchte nicht vor eine gestellt werden. Meine Entscheidung hat sich vor langer Zeit entwickelt und jetzt ist sie gefallen. Es gibt kein Zurück mehr.

Behutsam ziehe ich meine Hand aus Mom's, balle sie im Schoß zur Faust und recke das Kinn. »Ich frage nicht um Erlaubnis. Ich wollte euch erzählen, dass ich nach Tofino fliege. Granny hat mir das Hotel überschrieben, und sie hat das nicht ohne Grund getan. Sie hätte es verkaufen, an dich, Mom, oder dich«, ich sehe Silas an, »übergeben können, aber sie hat es mir vermacht. Seaside Heaven ist mein Eigentum und es wird Zeit, dass ich dort nach dem Rechten schaue.«

Silas' Miene wird düsterer. »Das ist eine ganz beschissene Idee, Lexie.«

Ich weiß! »Nein. Es ist meine Art der Heilung und ich finde es verdammt schade, dass du dagegen wetterst. Komm doch einfach mit«, schlage ich vor, eventuell mit einer Spur Sarkasmus in der Stimme, weil mir klar ist, dass er freiwillig keinen Fuß in diese Kleinstadt setzen wird. Sein Hass, auf was auch immer, ist in den letzten Jahren ins schier Unermessliche gestiegen.

»Nur über meine Leiche.«

»Silas«, mahnt Mom und schüttelt den Kopf.

»Was?« Er wird lauter, dämpft aber seine Stimme sofort angesichts dessen, dass einige der Gäste zu ihm schauen. »Du kannst nicht gutheißen, dass sie nach Tofino will.«

»Es ist ihre Entscheidung«, gibt sie diplomatisch von sich.

Sie schluckt ihren Unmut zumindest hinunter. Denn vorhin war es ihr deutlich anzusehen, dass sie Silas' Meinung ist.

»Die uns genauso betrifft. Sie kann nicht …«

Das reicht. »Sie«, betone ich übertrieben, »sitzt euch gegenüber und kann sehr wohl für sich sprechen. Erstens, Silas, hat es in keiner Weise mit dir zu tun, ob ich im Seaside wohne oder nicht. Niemand zwingt dich, ebenfalls zurückzugehen. Zweitens habe ich vorerst nur fünf Wochen Urlaub bekommen, inklusive sämtlicher Überstunden. Erst dann überlege ich, wie es weitergeht. Und drittens kannst du dich noch so sehr aufregen, mein Entschluss steht. Der Flieger geht morgen früh um acht.«

Resigniert und wütend zugleich hebt er die Arme und lässt sie fallen.

»Du bist dir sicher?«, fragt Mom und lächelt gezwungen.

»Ja.« Nein. Aber dafür ist es jetzt zu spät. Ich habe mir geschworen, an meinem Plan festzuhalten.

»Okay. Versprich mir aber, dass du auf dich aufpasst, ja? Und wenn es dir zu viel wird oder dich etwas mitnimmt, komm sofort zurück. Du musst da oben nicht stark sein, Lexie.«

Doch. Das muss ich. Mehr denn je. Denn so sehr mich die Sehnsucht dorthin zieht, habe ich auch Angst. Vor dem, was mich erwartet, welche Erinnerungen losgetreten werden - gute wie schlechte. Ich habe Respekt, das Hotel zu betreten, das seit Grannys Tod vor drei Jahren leer steht. Mir graut es, in den Ort zu gehen, Menschen wiederzutreffen, Freunde, die es nicht mehr sind, und ich fürchte mich davor, ihm über den Weg zu laufen. Grayson Westbrook.

​

​

​

Kapitel 2

​

Lexie

 

»Du bist dir absolut sicher, dass ich nicht mitkommen soll?« Kim läuft auf ihren mörderisch hohen Absätzen neben mir durch die Halle des Flughafens, als würde sie Turnschuhe tragen.

»Bin ich nicht, aber ich werde den Teufel tun, dich mitzunehmen.« Mit energischen Schritten steuere ich die Sicherheitskontrolle an. Nicht weil ich es eilig habe, in dieses Flugzeug zu steigen. Nein. Weil ich befürchte, dass ich kneifen werde. Die ganze Nacht habe ich kein Auge zugetan, bin immer wieder das Gespräch mit Silas und Mom durchgegangen. Habe überlegt, welche Argumente ich ihnen noch hätte nennen können, nur um zu einem Entschluss zu gelangen: Ich muss mich nicht rechtfertigen, um in meine Heimat zu reisen. Das ist kein Kriegsgebiet, kein politisch bedenkliches Land. Ich fliege nach Tofino, Vancouver Island. Das Schlimmste, das einem passieren kann, ist, einem Schwarzbären gegenüberzustehen. Oder seiner Vergangenheit. Scheiße!

Kim schnaubt. »Warum nicht? Ich bin mir sicher, dass wir eine Menge Spaß hätten.«

»O ja, ohne jeden Zweifel. Aber ich muss das allein durchstehen, okay?« Kim ist die Einzige, die ich von Anfang an in meine Gedanken und Pläne eingebunden habe. Sie kennt nicht nur meinen Wunsch, zu gehen, sondern auch sämtliche Sorgen, die mich begleiten.

In einem Punkt haben Silas und Mom nicht ganz unrecht: Es gibt dort zu viele Personen, die mir einst etwas bedeutet haben und mit denen seit dem Feuer Funkstille herrscht. Ein paar Mal habe ich einen Brief aus dem Krankenhaus geschrieben und Silas gebeten, ihn abzuschicken, oder eine Nachricht über das Handy verfasst und nie eine Antwort erhalten. Es passte zu den Erzählungen meiner Familie, dass dieser eine beschissene Abend alles verändert hat, die Menschen reden und einen Schuldigen brauchen.

»Ach komm schon. Ich will die Arschgeigen kennenlernen, die dich bis jetzt von diesem Ort ferngehalten haben. Wir könnten sie fertigmachen. Wie ekeliges Ungeziefer zerquetschen und vernichten. Zusammen sind wir unschlagbar.« Sie wedelt mit der Hand, um sich Platz zu verschaffen, und tatsächlich springt ein junger Mann erschrocken zur Seite.

Irritiert mustere ich ihn und sehe zu Kim, die ihre Wirkung nicht zu bemerken scheint. »Wenn ich je einen Rachefeldzug planen sollte, wirst du meine erste Kriegerin. Doch für jetzt muss ich da allein durch.« 

Sie nickt zufrieden.

Wir erreichen das Terminal und ich stelle mich in die kurze Schlange. Mein Herz pocht mit jeder Sekunde heftiger in meiner Brust, Unruhe breitet sich in mir aus. Das Zittern meiner Finger kann ich kaum unterdrücken, ebenso das unnachgiebige Kribbeln meiner Kopfhaut.

Kim bleibt neben mir stehen und mustert mich eindringlich. »Mir ist nicht wohl dabei, dass du allein gehst. Ich kämpfe für dich, wo ich kann, und ich verstehe, dass du deinem Gefühl folgen musst, um dich zu retraumatisieren oder wie man das nennt. Aber ich sehe, dass du nervös bist, in diese Stadt zu fliegen.«

»Örtchen«, verbessere ich sie. »Ansammlung von Häusern. Tofino hat kaum mehr als zweitausendfünfhundert Einwohner.«

Entsetzt reißt sie die Augen auf. »Süße, ich sage es ja nur ungern, aber bei der Größenordnung wird deine Ankunft die Nachricht des Jahrzehnts.«

Genervt stöhne ich auf und zapple, weil ich die Anspannung in mir nicht mehr aushalte. »Genau die Aufmunterung, die ich gebrauchen kann.«

»Ich bin deine Freundin. Es ist meine Pflicht, dir die ungeschönte Wahrheit vorzuhalten. Und die ist nun mal, dass es eine ganz beschissene Idee ist, ohne Unterstützung zu gehen.« Mit einem liebevollen Lächeln zieht sie mich in ihre Arme und drückt mich.

Zu gern erwidere ich die Geste. »Und dafür liebe ich dich.«

Seufzend löst sie sich von mir. »Du rufst mich an, wenn du mich brauchst, okay?«

Der Kloß in meinem Hals wird größer, ich schlucke mühsam dagegen an. »Das mache ich.«

Mit einer letzten Umarmung verabschiede ich mich von ihr und durchquere die Sicherheitskontrolle. Der erste Aufruf hallt durch die Lautsprecher, als ich das Gate erreiche, den freundlich lächelnden Mitarbeiterinnen zunicke und über die Gangway die Maschine betrete.

Scheiße! Was tue ich hier?

Sechs Stunden bis Vancouver und eine weitere in einem kleinen Propellerflugzeug Richtung Tofino. Ich hoffe, dass mein Mietwagen bereitsteht und alles nach Plan verläuft. Andernfalls hänge ich in Vancouver fest und muss bis morgen früh warten, ehe ich weiterfliegen kann. Und das würde bedeuten, dass ich nicht im Schutz der anbrechenden Dunkelheit ankomme, sondern am helllichten Tag, wenn jeder einen fremden Wagen zehn Meilen gegen den Wind riechen wird. Ich muss ja nicht gleich am ersten Tag auffallen.

Die Sorgen sind unbegründet. Pünktlich mit Einbruch der Dämmerung setzt das zweipropellige Flugzeug auf dem Boden auf. Weich und unbemerkt küsst die Maschine den Asphalt unter uns. Doch in mir fühlt es sich an wie ein Bulldozer, der ruckartig zum Leben erwacht und mich umreißt. Seit ich meine Wohnungstür hinter mir geschlossen habe, ist diese Beklommenheit spürbar. Mit jeder Meile wurde sie stärker, nun lähmt sie mich beinahe. Die fünf anderen Passagiere klatschen begeistert, lachen und rutschen auf ihren Sitzen herum, während ich mir plötzlich wünsche, mit dem Stoff zu verschmelzen, nicht aussteigen zu müssen. Verdammt! Woher kommt das auf einmal? Ich wollte hierher.

Die Maschine wird langsamer, mein Herzschlag schneller. Das Flughafengebäude erscheint vor meinem Fenster, kaum größer als ein Einfamilienhaus. Die pastellgrünen Holzbretter der Fassade sind mir vertraut, ebenso der schwarze Schriftzug Long Beach Airport. Alles ist rauer, kleiner als in New York. Mit einem Ruckeln bleiben wir stehen, der Mann neben mir reibt erwartungsvoll seine Hände an seiner Jeans, erhebt sich und greift nach dem Wanderrucksack, der hinter unseren Sitzen steht. Dann verlässt er den Flieger. Ich bin die Letzte, die aufsteht, ihre Reisetasche schultert und den Ausgang ansteuert. Die Flugbegleiterin lächelt mir zu. Vermutlich fragt sie sich, warum ich zögere. Ich ringe mir ein Lächeln ab, rufe mir in Erinnerung, dass ich genau das wollte, setze einen Fuß auf die Stufe und hebe den Blick.

Tofino. Der Abend ist kühl, der Geruch der Kiefernwälder und das Salz des Meeres wecken längst vergessene Gefühle an schöne Tage, die ich erlebt habe. Sommerabende und Herbstnächte. Lachen. Freunde. Sorglosigkeit. Als ich das letzte Mal hier war, lag Rauch in der Luft. Zumindest hat es sich so angefühlt. Die Wahrheit ist, dass ich es Monate später in New York noch riechen konnte. Selbst jetzt drängt sich der Geruch in meinen Gedanken wieder in den Vordergrund.

Ich atme durch, laufe über das Rollfeld und betrete das Gebäude.

»Willkommen in Tofino«, begrüßt mich eine freundliche Stimme. Eine ältere Frau strahlt mich an und deutet auf eine Engstelle, an der hüfthohe Wände den Ankunftsbereich vom Rest der Halle trennen. Sie kommt mir vage bekannt vor und auch sie verengt nachdenklich ihre Augen, als ich an ihr vorbeilaufe. Ob es Greta ist? Die Falten auf ihrer Stirn sind tiefer, die Haare grauer, aber sie könnte es sein. Schon damals hat sie dem Flughafen mit ihrer Freundlichkeit Leben eingehaucht.

Ich folge dem verblassten grauen Teppich, bis ich den vorderen Bereich erreiche. Kein moderner Check-in-Schalter, kein streng bewachter Sicherheitsbereich, keine Fressmeile und Duty-free-Shops. Tofino ist eine eigene Welt. Eine gefühlt heile, die die dunkle Vergangenheit gut zu verstecken weiß. Ich bin da. Nach all der Zeit, dem Kampf und dem Wissen, dass irgendetwas in diesem Ort meine Familie davon abhält, zurückzukehren. Einmal mehr frage ich mich, ob ich mich mit Anlauf in das Verderben stürze, ob ich wirklich den richtigen Entschluss gefasst habe. Aber kann das Herz sich überhaupt für das Falsche entscheiden?

Kaum eine Menschenseele ist hier. Nur eine Handvoll Mitarbeiter. Zwei Männer aus dem Flugzeug stehen an einem Schalter und unterhalten sich mit dem schlaksigen Kerl dahinter. Ich steuere sie an.

Als ich an der Reihe bin, nicke ich höflich. »Hallo. Ich habe einen Wagen auf den Namen Monroe gemietet.«

Der Typ sieht mich mit großen Augen an. Seine Haare sind mit Unmengen von Gel nach hinten frisiert, sein Hemd sitzt akkurat und doch kann er nicht mal die Highschool beendet haben.

»Ja«, sagt er, senkt den Blick und blättert in einem Buch herum. Dann schiebt er mir einen Quittungsblock entgegen und deutet auf ein Feld. »Bitte unterschreiben Sie hier, dass ich Ihnen alles ausgehändigt habe.«

Ich greife nach dem Stift, den er mir hinhält.

»Sie gehen aus dem Gebäude raus, geradeaus. Ihr Dodge Durango steht auf dem ersten Parkplatz. Können Sie nicht übersehen.«

Ich bedanke mich, nehme den Schlüssel und die Papiere und folge seiner Wegbeschreibung. Mittlerweile ist es dunkel, lediglich ein paar Laternen erhellen den Weg. Doch ich brauche kein Tageslicht, um zu wissen, dass das Meer nur einen Steinwurf entfernt ist und dichte Wälder sich um uns schließen. Unwillkürlich schaue ich in den Himmel und lächle, als ich dank der wenigen Lichter die Sterne entdecke. So viel mehr als man in New York sehen kann. Genau das habe ich vermisst.

​

bottom of page