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Leseprobe aus
Where Trouble Feels Like Home

 

Kapitel 1

 

Summer

 

»Na, dich habe ich ja schon lange nicht mehr gehört.« Russels Stimme am anderen Ende der Leitung klingt ein wenig zu tadelnd.

»Vorgestern erst«, helfe ich ihm unnötigerweise auf die Sprünge. Sein Gedächtnis gleicht dem eines Elefanten. Vermutlich kann er meine Anrufe auf die Sekunde genau rekonstruieren.

»Er ist in zehn Minuten da. Denk wirklich mal darüber nach, einen Ersatzschlüssel bei den Nachbarn abzugeben.«

Ich verziehe das Gesicht. »Dann müsste deine Firma Insolvenz anmelden.« In Wahrheit würde ich eher den Tod wählen, als Mrs. Cornwall einen Schlüssel zu geben. Schlimm genug, dass mein Kater lieber Zeit mit ihr statt mit mir verbringt. Anstrengender ist jedoch, dass sie glaubt, besser über mein Leben Bescheid zu wissen als ich selbst.

Nun lacht er laut auf. »Wohl wahr. Wir hören uns.«

»Danke, Russel.«

Mehr als ein Brummen bekomme ich nicht zur Antwort, dann legt er auf und ich starre weiterhin genervt die Wohnungstür an. Ich hätte auch Jaxon anrufen können, meinen besten Freund, Arbeitskollegen und Helfer in der Not. Aber er ist noch in einem Meeting.

Sollte ich unten auf der Straße warten? Meine liebenswürdige Nachbarin hängt sicher schon mit dem Ohr an der Tür, um wieder einmal festzustellen, dass ich mich ausgesperrt habe.

Doch bevor ich zu einer Entscheidung komme, öffnet sich der Fahrstuhl und ein Kichern und Lachen dringen zu mir. Kurz darauf erscheint ein Kerl, dessen Hose nur durch pure Magie auf seinen Hüften Halt findet. Die Shorts sind deutlich zu erkennen, der Gürtel ist nicht mehr als Zierde. In seinen Armen Nachbarin Nummer zwei. Hailey.

Sie entdeckt mich und grinst breit. »Hey Summer.«

»Hallo«, gebe ich wissend und fragend zugleich zurück.

»Das ist …« Sie sieht zu dem Kerl hinauf, der ihr unverhohlen in den Ausschnitt starrt. Okay. Wir sind auf dem Level angekommen, wo sie nicht mehr nach Namen fragt, ehe sie Matratzensport betreibt.

»Jim«, murmelt er, tippt sich an die Stirn und schenkt mir weiterhin keine Aufmerksamkeit.

Hailey streicht anzüglich über seinen Bauch. »Genau. Jim.« Im nächsten Augenblick stellt sie sich auf die Zehenspitzen und küsst ihn mit einer Intensität, die mich genervt aufstöhnen lässt. Er presst sie gegen die Wand, schiebt seine Finger unter ihr Top und reibt die Hüften an ihre.

Stirnrunzelnd begutachte ich meine Schuhe: braune Stiefeletten, und reibe die linke an der Wade, um die Tropfen vom Regen abzuwischen. Ich sollte wirklich unten warten. Fehlt noch, dass Mr. Burmer mit seinem Müll herauskommt und wieder eine Predigt hält, dass der Müllschacht schon seit Monaten nur sporadisch funktioniert. Himmelherrgott. Ich bin nicht prüde, aber das kann ich im Moment wirklich nicht gebrauchen.

Ein erneutes Geräusch vom Aufzug lässt mich endlich durchatmen, denn Dean steigt mit einem wissenden Grinsen heraus.

»Summer«, grüßt er mit einem Nicken, wird langsamer und begutachtet das Treiben neben mir. »Ich wusste nicht, dass du in einem Stundenhotel wohnst.«

Hailey kichert, und erst, als sie bemerkt, wer gemeint ist, verschwindet sie mit Jim in ihrer Wohnung.

»Immerhin hat sie einen Schlüssel.« Er bleibt neben mir stehen, stellt seinen Werkzeugkoffer ab und hält meine Erlösung in die Höhe.

»Dafür habe ich dich«, kontere ich und deute auf das Schloss. Wie schlimm ist es, wenn man die Mitarbeiter des Schlüsseldienstes besser kennt als seine Arbeitskollegen?

»Mhm. Du bist meine Lieblingskundin, so zuverlässig wie der Go-Train zur Rush Hour.« Während Dean mit stoischer Ruhe die Tür öffnet, atme ich erleichtert aus. »So. Das hätten wir. Wieder einmal.« Er wirft einen Blick in meine Wohnung, an die Wand direkt neben dem Eingang. »Warum ist der Schlüsselhaken leer?«

Genervt stöhne ich und schiebe mich an ihm vorbei. »Weil er irgendwo anders liegt.«

»Ich werde nie verstehen, wie man den so oft vergessen kann. Oh, ich habe da übrigens was für dich.«

»Schon wieder ein ›Hiermit vergisst du nie den Schlüssel‹-Gadget?«

»Viel besser.« Er schiebt seine Hand in die Tasche und zieht zehn einzelne Exemplare heraus. »Die hat Russel angefertigt, weil er dich schon so lange kennt. Leg sie einfach in deine Tasche und schon hast du einige Tage in Folge dieses Problem beseitigt.«

»Wow. Ihr wollt mich loswerden.« Ich streife meine Schuhe ab und deute hinter mich. Eine wortlose Frage, ob er noch was trinken will, doch er verneint.

»Beim nächsten Mal wieder. Ich bin mit Kim verabredet. Fünfter Hochzeitstag.«

»Oh, herzlichen Glückwunsch.«

»Danke. Aber im Ernst. Steck sie in deine Tasche, jetzt. Ich bin in der nächsten Woche nicht da. Wir sind bei meinen Eltern am See und Russel wird genug zu tun haben.«

Das schlechte Gewissen meldet sich zu Wort. Ich greife nach den einzelnen Schlüsseln und lasse sie demonstrativ in meine Tasche gleiten. Er nickt zufrieden, grinst und ich kann nicht anders, als es zu erwidern.

»Dann kann ich ja beruhigt in den Urlaub fahren. Wir sehen uns dann in zehn Tagen.«

Lachend zucke ich mit den Schultern. »Vermutlich. Erhol dich und bestell Kimberly schöne Grüße.« Ich kenne sie nicht und dennoch haben wir dieses Spiel irgendwann angefangen. Vor Weihnachten hat Dean mir sogar eine Tüte selbst gebackener Plätzchen von ihr mitgebracht.

Die Tür schließt sich mit einem leisen Klicken hinter mir. Ich bin allein. Die Geräusche der Stadt sind deutlich zu hören, da ich die Balkontür stets ein Stück offenlasse. In mir hallen die Erinnerungen des Tages wie ein stetiges Pulsieren. Die Stimmen, das Hupen der Autos, das Tippen von Fingern auf den Tastaturen. Klingelnde Telefone, Gespräche, Rufe, Musik. Alles vermischt sich zu einem nicht enden wollenden Rauschen. Ich bin es gewohnt, habe selten völlige Stille um mich, weil sie mich nervös, mir Angst macht. Auch jetzt halte ich es kaum aus, steuere das Radio an und schalte es ein. Coldplay schallt mir entgegen und ich bewege mich im Takt, während ich die bekannten Liegeplätze von Bubbles absuche. Doch der Kater ist nirgends zu entdecken. Seine Futternäpfe sind voll und ich könnte schwören, dass nicht ein Brocken des Trockenfutters fehlt.

Mit einer Vorahnung betrete ich den schmalen Balkon. Er zieht sich über die gesamte Breite des Hauses, ist nur durch Gitterstäbe von der benachbarten Wohnung getrennt. Da sitzt er. Auf dem Schoß von Mrs. Cornwall. Lässt sich das Fell kraulen und ich bin mir sicher, dass sie ihn ausgiebig gefüttert hat. Hoffentlich nicht wieder mit dem Fischzeug. Das kotzt er garantiert später auf einen meiner Teppiche.

»Ah! Summer«, ruft sie mit rauer Stimme. Von jahrelanger Nikotinsucht gezeichnet. »Er hat so schrecklich gemaunzt, dass ich ihm was zu essen gegeben habe. Du musst wirklich darauf achten, dass seine Näpfe voll sind.«

»Sind sie. Auch jetzt und würden Sie ihm nicht jedes Mal etwas zu essen geben, müsste ich es auch nicht tonnenweise wegwerfen.«

»Ach Kindchen, dann ist es das falsche Futter.«

Ich verdrehe die Augen, winke ab und gehe zurück ins Wohnzimmer. Es bringt nichts, mit ihr zu diskutieren. Doch ich halte überrascht inne, als ich Fell an meinem Unterschenkel spüre. Schnurrend windet er sich um mich. »Verräter. Kannst du nicht wenigstens bei Hailey Asyl suchen?«

Mit einem Seufzen kraule ich seine Ohren, aber ich hätte es besser wissen müssen. Nur Sekunden später spüre ich seine Kralle, die sich zum Glück nur in meine Bluse gräbt. Abrupt ziehe ich den Arm weg und höre das elendige Reißen von Stoff. So ein verdammter Mist!

»Die war teuer!«, protestiere ich.

Bubbles hingegen stolziert mit erhobenem Schwanz zur Couch und springt auf die Lehne. Nun thront er wie seine Majestät höchstpersönlich. »Mistkerl. Du hast echt ein Problem mit mir, oder? Dabei war ich es, die dich zwischen den Mülltonnen gefunden hat und nicht Mrs. Cornwall.«

Sein Maunzen ignoriere ich. Stattdessen öffne ich den Kühlschrank, nehme den Rest des Gemüseauflaufs heraus und erwärme ihn in der Mikrowelle, während ich den Laptop zum Leben erwecke. Er steht auf dem Tresen in der Küche und noch ehe das Essen fertig ist, bin ich bereits in meine Arbeit vertieft.

 

Das Ministry of Education wird im kommenden Jahr den Haushalt für Bildung um rund fünf Prozent senken. Offiziell begründet wurde der Beschluss mit dem erforderlichen Sparkurs, der bereits in diesem Jahr in einigen sozialen Bereichen für Kürzungen gesorgt hat. Kritiker sehen die Etatstreichungen als fatal mit weitreichenden Konsequenzen für Schüler, Eltern und Lehrkräfte …

 

Immer wieder überfliege ich die Zeilen, bessere aus, ergänze und lösche, bis ich sie perfekt finde und die geforderte Länge von zwei Spalten erreicht habe. Mit einem zufriedenen Grinsen lehne ich mich zurück und drücke auf den Absenden-Knopf. Das wäre geschafft. Wenigstens dieser Artikel ist pünktlich zum Redaktionsschluss da.

Das Knurren meines Magens jedoch lässt die Euphorie zerplatzen. Das Essen! Mist. Eilig öffne ich die Mikrowelle, taste mit einem Finger auf der Käsekruste herum und stelle den Teller zurück. Natürlich ist es schon wieder kalt geworden.

»Du hättest mich auch mal daran erinnern können«, maule ich an Bubbles gewandt, doch er erwägt nicht einmal, in meine Richtung zu sehen. Ungeduldig tippe ich mit den Fingern auf die Arbeitsplatte, beobachte die drehende Bewegung des Essens und stoße ein »Ha!« aus, als es endlich piept.

Während des Essens öffne ich meinen zweiten E-Mail-Account, um zu überprüfen, ob es neue Details im Immobilienskandal gibt. Vor wenigen Tagen habe ich eine erste Rohfassung des Artikels über den begründeten Verdacht geschrieben, dass zwei Bauträger durch Strohmänner Grundstücke systematisch aufgekauft und überteuert weiterverkauft haben. Zum Teil sind auch Gelder unter der Hand geflossen, um Projekte durchzusetzen.

Mein Herz pocht nach wie vor, wenn ich an den Moment denke, an dem mir die Dokumente zugespielt wurden, die beweisen, dass auch einflussreiche Geschäftsleute und Berater involviert sind. Nächtelang habe ich recherchiert, tagelang Informanten aufgesucht, telefoniert, Unterlagen angefordert, förmlich darum gebettelt. Mit Erfolg. Grinsend schaue ich zu Bubbles. »Dein Frauchen ist nicht ganz so dumm, wie du glaubst.«

Kapitel 2

 

Caden

 

»Brauchst du noch etwas?«

Brynn sieht mich aus ihren blauen Augen an, die Haare hat sie zu einem Dutt gebunden. Einzelne Strähnen fallen heraus. »Nein. Und du hättest das hier auch nicht tun müssen.«

»Doch«, werfe ich schnell ein, weil ich alles andere nicht hören möchte. »Ich habe dir gesagt, dass ich dich nach der Reha abhole.« Dass ich für sie da bin, ganz gleich, was passiert ist. Jederzeit und ohne zu zögern.

Einen Moment sehen wir uns an und das altbekannte Ziehen breitet sich in meiner Brust aus. Eine Mischung aus Liebe, Wut und Trauer. Ich weiß, dass sie es in meinem Blick erkennt. Jedes Mal, egal, wie sehr ich versuche, es zu verstecken.

»Die letzte hoffentlich.« Sie berührt meine Hand, die ich sofort umfasse. Ich halte sie fest, in so vielerlei Hinsicht, ohne etwas zu sagen. Das Ticken der Uhr an der Wand wird lauter und doch verschwimmt es in dem Moment, in dem ich mir gestatte, an das, was war, zu denken.

Brynn holt tief Luft und streicht mit ihrem Daumen über meine Haut. »Caden, du musst loslassen«, präzisiert sie mit ruhigem Ton, als wäre das so einfach. Wie ein Heliumballon, den man gen Himmel steigen lässt. Aber das geht nicht. Es fühlt sich an, als würde ich am Rand einer Klippe hängen, nur mit zwei Fingern, die sich in den Stein klammern, mich daran hindern zu fallen und vollends zu zerschellen.

»Und wie soll das funktionieren?« Meine Stimme ist leise.

Für eine endlose Sekunde schließt sie die Lider, dann nickt sie ertappt. »Ich weiß es nicht.«

Zögernd drücke ich ihre Hand, ehe ich mich abwende, ihr Haus verlasse und auf die Veranda trete. Tief atme ich die noch kühle Morgenluft ein. Sie lindert den Stich in meinem Inneren nicht. So sehr ich mir auch wünsche, er würde endlich nachlassen, ahne ich, dass er es nie tun wird. Nicht in einer Woche, nicht in einem Jahr, nicht in diesem Leben.

Meine Boots hören sich schwer auf den Holzdielen an, als ich die Stufen hinuntergehe, den Pick-up ansteuere und einsteige.

Brynn steht am Wohnzimmerfenster mit besorgter Miene, lächelt aber tapfer. Ich erwidere es wissend, dann fahre ich los, durchquere Ashbury, bis ich die Ranch erreiche, die ich vor einigen Jahren von meinem Vater übernommen habe. Drumherum befindet sich nichts als weitläufige Weiden und Wälder. Vor dem Ash River fällt die Wiese ein Stück ab, sodass man ihn erst entdeckt, wenn man näher kommt, doch nach starkem Regen hört man das tosende Wasser bis zum Haus. Ein Ort, der mehr ist als ein Zuhause. Jeder Winkel ist wie eine Zuflucht, eine Einsamkeit, der ich mich zu gern hingebe. Weil sie alles andere betäubt. 

Maggie winkt, als sie mich bemerkt, einen Korb mit Gemüse im Arm. Die Falten rund um ihre Augen vertiefen sich und sie wischt eilig die Finger an der Jeans ab. Mein ganzes Leben lang ist sie Teil dieser Ranch, meiner Familie, auch wenn nicht das gleiche Blut durch unsere Adern fließt. Seit beinahe drei Jahrzehnten. Was als Erntehelferin begonnen hat, ist zu einem festen Bestandteil geworden, ohne den wir nicht funktionieren würden. Sie hat die Rolle meiner Mom übernommen, als diese ging, ohne sie zu ersetzen oder bewusst ihren Platz einzunehmen. Mich getröstet, wenn ich es am wenigsten wollte und doch am dringendsten brauchte. Hat an mich geglaubt, mir zugehört, wenn ich am lautesten geschwiegen habe. Maggie war da. Genau wie ihr Mann und beide taten das, was nie selbstverständlich war.

»Caden! Gut, dass du da bist. Charlie hat ein Loch im Zaun entdeckt und einige der Rinder sind weg. Er sucht bereits mit Koda nach ihnen.«

Anspannung macht sich in meinem Körper breit und ich steige eilig aus. »Weißt du wo?«

Sie nickt. »Drüben an der Westflanke, wo der Fluss sich gabelt.«

»Ich schau mir die Sache an.«

»Gut. Soll ich Garret und Burk Bescheid sagen?«

Kopfschüttelnd fahre ich mir durch die Haare. »Sie sind oben am Kalogh Peak, die Wildkameras austauschen. Charlie und ich finden sie bestimmt. Wenn nicht, melde ich mich.«

Sie lächelt wissend. »Okay. Pass auf dich auf.«

»Natürlich.« Mit einem Winken verabschiede ich mich und steuere ohne Umschweife die Stallungen an. Maples Box ist erwartungsgemäß leer. Ich öffne Ravens, was ihm ein aufgeregtes Schnauben entlockt. Sein schwarzes Fell glänzt, die Ohren stehen aufmerksam auf, die weißen Fesseln sehen aus, als wäre er knietief durch Farbe gewatet. Routiniert mache ich ihn fertig.

Kaum habe ich den Fuß im Steigbügel, geht er einen Schritt und ich schwinge mich gekonnt in den Sattel. Sein Kopf bewegt sich auf und ab, aus einem gemächlichen Gang wird ein ungeduldiges Tänzeln, als wüsste er, was uns bevorsteht. Er kann es kaum erwarten. Genau wie ich. Denn das ist es, was mich vergessen lässt. Den Schmerz in meiner Brust, die Verzweiflung in meinem Herzen und die Gewissheit, dass nichts mehr so sein wird wie früher.

Das Klacken seiner Hufeisen auf dem Stein hallt von den Wänden wider, verändert sich auf dem befestigten Boden im Hof und wird dumpfer, sobald wir das Gras erreichen. Nur noch wenige Augenblicke, dann lasse ich los. Ihn und mich. Wir folgen einem Instinkt, als hätten wir unser Leben lang nichts anderes getan. Raven kennt mich, weiß, wann ich die Ruhe suche, erkennt aber auch, wenn es ernst ist – so wie jetzt.

Ich verlagere mein Gewicht, übe leichten Druck mit meinem Bein aus. Sofort prescht er los. Jagt den Weg entlang und folgt meiner Richtung. Über die Weiden, die sich beinahe bis zum Horizont erstrecken. Der Wind zerrt an meinem offenen Hemd, streicht kühl über meine Haut. Es dauert, ehe ich das erste Mal einen schrillen Pfiff von mir gebe, lausche und es wiederhole, bis ich eine Antwort erhalte. Charlie dirigiert mich mit seinem Pfeifen zu ihm. Wie oft habe ich schon gehört, dass wir Handys oder ein Funkgerät nutzen könnten, uns auf moderne Art und Weise verständigen sollten. Aber das hier habe ich von ihm gelernt, schon als Siebenjähriger beherrscht, und ich möchte es nicht mehr missen.

»Hey«, rufe ich, als ich ihn gemeinsam mit meinem Australian Shepherd Koda entdecke. Charlies graumelierten Haare sind kurz geschnitten, der Bart akkurat getrimmt. Koda hüpft um seine eigene Achse, wartet, bis ich bei ihm bin, und sieht mich erwartungsvoll an. Ich weiß, was er will, und mit einem Klopfen gebe ich ihm das Okay. Mehrmals tippt er mit den Pfoten auf den Boden, dann springt er und ich fange ihn auf. Zufrieden hechelt er, sitzt halb auf meinem Bein, halb auf dem Sattel.

»Sie sind unten im Tal.« Charlie deutet hinter sich, die Hände auf dem Sattelhorn abgelegt. »Sollen wir?«

Mit einem Nicken schnalze ich mit der Zunge und dirigiere Raven langsam den Hang hinunter. Charlie folgt mir, steuert mit Maple seitwärts auf die Herde zu, während ich sie umrunde und von hinten treibe, ohne sie zu erschrecken. Es dauert nicht lange, bis wir gemütlich unser Zuhause ansteuern. Die Highland-Rinder im gleichbleibenden Trott vor uns.

»Wie geht es ihr?« Charlies Stimme klingt wissend und mir ist klar, dass er keine Antwort braucht. Die kennt er auch so. Es ist seine Art, mir klarzumachen, dass ich mich selbst foltere.

»Sie ist tapfer, wie immer.« Ich sehe ihn an, doch er starrt stur geradeaus. »Was?«

»Caden. Es ist drei Jahre her und sie hat eine Entscheidung getroffen.«

»Ich auch«, kontere ich sofort.

Mehr als ein Nicken kommt nicht von ihm. Da ist nur das Knirschen unserer Sättel, das Geräusch der Hufe und hin und wieder ein Muhen der Rinder. Ich halte an der Entscheidung fest, weil sie alles ist, was mich nicht vollends zugrunde richtet. Getrieben von einer Hoffnung, die sich nie erfüllt, von einer Taubheit, die ich bewusst am Leben halte, und einer Kälte, die vor langer Zeit ihr Zuhause in mir gefunden hat. Ich habe das verloren, wofür es sich zu kämpfen lohnte. Und gebe mir bis heute die Schuld dafür.

Erst als die Ranch vor uns auftaucht und mit ihr dunkle Wolken am Horizont, sagt er wieder etwas. »Du hättest es nicht verhindern können. Aber du kannst verhindern, dass du daran zugrunde gehst.«

»Genau das tue ich. Es geht nur auf diese Weise, verstehst du?«

Kopfschüttelnd sieht er mich an. »Nein. Aber das spielt keine Rolle. Ich bin für dich da, Caden. Egal, was du tust und ganz gleich, wie sehr ich davon überzeugt bin, dass es ein Fehler ist. Ich möchte es nur nicht unversucht lassen.« Mit diesen Worten stößt er einen lauten Schrei aus, treibt die Highland-Rinder so zur Eile an und dirigiert sie in einen neuen Weidenbereich auf der anderen Seite der Ranch. Ich folge ihm, dirigiere Raven zur Seite, um die Herde zusammenzuhalten, und versuche, den Druck in meinem Inneren zu ignorieren. Seine Worte wiegen schwer und dennoch halte ich an meinem Gefühl fest. An der Vergangenheit. An Brynn. An diesen einen beschissenen Tag.

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